08.06.2014

Interview mit Jean-Pierre Dürig zum neuen Durchgangsbahnhof Zürich im Tagesanzeiger

Link zum Tagesanzeiger:
http://www.tagesanzeiger.ch/extern/storytelling/sbb/story5_chefinfoarchitekt/

Tagesanzeiger 06. 06. 2014

Der Zürcher Architekt Jean-Pierre Dürig ist bekannt für funktionale Bauten, darunter Kirchen, Sportanlagen und Theater. Für den neuen Bahnhof Löwenstrasse entwarf er glatte und schnelle Räume. Der Pendler brauche seine Ruhe.

Mit Jean-Pierre Dürig sprach Andres Herzog
Mit Bildern von Sabina Bobst

Seit zwölf Jahren planen Sie im Zürcher Untergrund. Vermissen Sie das Tageslicht nicht?
Ich selbst nicht, ich arbeite ja im Licht hier im Büro (lacht). Aber für Menschen, die im Bahnhof tätig sind, ist das fehlende Tageslicht eine Belastung, für die Pausen müssen sie ans Licht. Doch natürliches Licht in die Tiefe zu bringen, war unmöglich, beim unterirdischen Bahnhof sowieso, aber auch bei den Passagen. Alle Räume liegen unter den Gleisen. Auch über die Aufgänge kommt wenig Licht in den Untergrund. Diese müssen möglichst schlank sein, da der Platz auf den oberirdischen Bahnsteigen begrenzt ist.

Wie reagiert die Architektur darauf?
Die Gestaltung sorgt für eine helle, freundliche, übersichtliche Atmosphäre. Die Architektur ist sehr funktional und verzichtet auf Dekoration. Die Pendler sollen schnell ihre Wege finden. Nichts soll ihr Vorwärtskommen und ihre Orientierung stören. Die Schaufenster und Schilder der Läden werden genug herausstechen. Die Architektur muss einen Hintergrund für die Beschilderung, die Nutzung und die Werbung bilden.

Strahlen die Wände und Decken darum so weiss?
Der Bahnhof war immer schon farblos. Trix und Robert Haussmann bauten den Bahnhof Museumstrasse schwarz-weiss, Arnold Amslers Umbau des Shop-Ville ist schwarz. Also blieb als Farbe weiss übrig. Dank der hellen Oberflächen brauchen wir weniger künstliches Licht. Etwas Farbe kommt nur ganz unten ins Spiel, wo die Menschen warten: Die Decke über den neuen Perrons strahlt golden. Sonst aber ist die Architektur neutral. Auch die Erschliessung ist so einfach wie möglich, es gibt keine Sackgassen. Der Raum soll fliessen, damit die Menschen keine Zeit verlieren. Schliesslich pendelt niemand gern.

Eine Architektur, die man nicht wahrnimmt?
Wir bauen einen öffentlichen Raum, kein Haus. Den Rahmen geben die Ingenieure und der Bestand vor, bis hin zur Lage jedes Treppenhauses. Alles ist definiert, ich muss das Ganze zusammenfügen und übersichtlich gestalten. Im Grunde ist die Aufgabe also ganz einfach: Ich baue nur, was es braucht. Alles ist definiert.

Schränkt Sie das als Architekt nicht ein?
Nein. Meine Vorstellung von Architektur deckt sich mit dieser Aufgabenstellung. Die Dimensionen des Bahnhofs gleichen einer Kathedrale. Auch dort geht es in der Essenz um grosse Spannweiten, Licht und Bewegung. Um den reinen Raum also.

Der Bahnhof unterscheidet sich für Sie also nicht von einem normalen, überirdischen Gebäude?
Ich baue selten normale Häuser. Das Theater in Freiburg ist ein Sonderling, die Sportanlage Heerenschürli in Schwamendingen eher eine Infrastruktur als ein Gebäude. Mich interessieren diese Aufgaben. Es geht nicht um Geschmack, sondern um funktionale Vorgaben, die es zu erfüllen, mit Atmosphäre zu beleben und mit eigenen Architekturkonzepten umzusetzen gilt. Aber das darf nicht so dekorativ sein wie bei den Haussmanns. Die Architektur muss der Funktion dienen.

Beim Bahnhof Museumstrasse galt das nicht?
Die Haussmanns bauten einen kleineren Bahnhof mit weniger Läden. Das war eine andere Zeit. Wer heute in den Zug steigt, reist nicht mehr, er pendelt. Diesen Menschenmassen kann ich keine Architektur aufzwingen, es braucht glatte und schnelle Räume. Eine exzentrische Architektur kann beim ersten Mal spannend sein. Aber die Pendler kommen hier 500-mal im Jahr vorbei. Sie sind froh, wenn die Architektur sie in Ruhe lässt.

Was für eine Architektur ist das?
Ich würde gar nicht von Architektur sprechen, sondern von Raum und Bewegung. Wichtig sind nicht die Fassaden, sondern der Leerraum, durch den die Leute strömen. Man könnte sagen: Ich habe die Architektur entmaterialisiert. Das heisst nicht, dass ich nicht über Details nachdenke. Wir haben genau überlegt, in welche Richtung der Chromstahl gebürstet ist, welche Blechelemente wir unter die Decke hängen. Der Untergrund ist ruhig, die Aufgänge aus Beton hingegen sind markant.

Wieso?
Die Aufgänge tragen das Hallendach. Wir wollten aber keine Abfangkonstruktion, sondern einen einzigen Körper, der aus dem Untergrund nach oben ragt. Die Betonskulpturen tragen die Stütze, beleuchten den Abgang und führen die Personen hinab. Weg, Statik und Konstruktion werden eins.

Woher kommt diese Faszination für das Minimale?
Mich reizt es, fast ein Nichts zu entwerfen. Das ist wie bei einem Gedicht, das mit wenigen Worten viel sagt. Seit Le Corbusier wissen wir aber auch: je einfacher eine Form, desto schwieriger die Aufgabe und die Umsetzung.

Wird die Architektur so nicht trivial?
Sie wird erst banal, wenn der Inhalt auch banal ist. Das Einfache muss eine spannende Geschichte erzählen. Der neue Bahnhof befördert den Pendler, er verknüpft zwei Quartiere, und er verbindet die vielen Teilabschnitte des Hauptbahnhofs. Der neue Bahnhof leistet und kostet viel, stört aber niemanden, da unsichtbar.

Ist er insofern ein zürcherisches Projekt?
Ich denke nicht. Er erweitert den Bestand pragmatisch. Für mich geht es nicht darum, die Infrastruktur zu verstecken. Genauso gern hätte ich eine oberirdische Erweiterung geplant, aber das wäre wohl teurer und weniger funktional. Das schweizerische Gebastel erlaubt keine ganz grossen Würfe. Das hat aber auch Vorteile: Man übernimmt sich nicht.

Wird in der Schweiz künftig noch mehr unterirdisch gebaut?
Bestimmt. Wo kein Platz ist, baut man in die Höhe oder in die Tiefe. Vor 20 Jahren waren Hochhäuser in Zürich undenkbar. Heute ist das anders, schauen Sie nach Zürich-West. Auch unterirdisch wird weiter viel gebaut. Das ist gut, so wird das Bauwerk Schweiz effizienter.

Können Sie sich vorstellen, nur noch Infrastrukturbauten zu realisieren?
Das wäre etwas einseitig. Aber die grundlegenden Fragen der Architektur kommen dort klar zum Ausdruck. Es geht um grosse und radikale Lösungen, das fasziniert mich. Doch ich fürchte, dass ich nicht noch mal einen Bahnhof bauen kann. Die SBB machen bei Infrastrukturbauten schon seit längerem keine klassischen Architekturwettbewerbe mehr, sondern holen nur noch Honorarofferten ein. Dort gewinnt die wirtschaftlichste und meist auch billigste Offerte.

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